Auf Entdeckungstour rund um den historischen Stadtkern
Mal ehrlich - wer von uns Einheimischen kennt nicht das Stadtzentrum von Löbau? Wie oft sind wir schon vom Süden her über die Innere Zittauer Straße oder von der Bahnhofstraße aus zum Löbauer Marktplatz gelaufen, um Einkäufe und Behördengänge zu erledigen. Wie oft an freien Tagen oder Wochenenden, vielleicht nur um zu bummeln, allein oder mit unseren Gästen in der Innenstadt gewesen? Wir möchten es an dieser Stelle aber einmal etwas anders machen. Wenn Sie gestatten, nehmen wir Sie an die Hand und laden Sie zu einem historisch unterhaltenden Spaziergang rund um den Kern unserer altehrwürdigen Sechs-Stadt Löbau ein.
Görlitzer Tor
Beginnen wollen wir unsere kleine Tour am ehemaligen Görlitzer Tor (siehe Karte Pkt.1) und stellen uns unmittelbar beim „Wolf Fleischer“ an die Postdistanzsäule und schauen hinüber zum Gebäude „Café Mießler“. Dort verlief in längst vergangenen Zeiten die innere Stadtmauer, von der wir ein Stück - blicken wir am Promenadenring ein wenig nach rechts - noch sehen können. Sogar den alten Wehrgang kann man oben noch ganz gut erkennen.
Direkt hier, wo wir stehen, begann auch die mächtige Görlitzer Toranlage. Trutzig ragte sie aus der Stadtmauer heraus und wirkte für alle ein- und ausgehenden Fuhrwerke und Fußgänger wie eine große Schleuse, durch die es kein unbemerktes Durchmogeln gab.
Wir stehen fast an der Stelle, an der sich das Torhüterhaus befand. Diesem Rundbau war ein tiefer Graben vorgelagert, über den eine etwa 7 mal 3 m große Brücke führte. Für alle, die in die Stadt hinein wollten, hieß es hier erst einmal:
„Halt - Kontrolle und (wenn notwendig) Steuern bezahlen!“
War das erledigt, konnte man vom Torhüterhaus auf einer 3 m breiten und 34 m langen Straße (beiderseits eingefasst mit einer 7 m hohen Mauer) durch das eigentliche Tor, das sich zwischen dem hinteren Teil des „Pelzhauses Hummler“ und dem „Cafe Mießler“ befand, in die Stadt hinein gelangen.
Von der inneren Stadtmauer
ungefähr 7 m entfernt bot die etwas niedrigere, äußere Befestigungsmauer Schutz vor Feinden und unliebsamen Gesindel. Die dadurch vorhandenen Zwischenräume - Parchen oder Zwinger genannt - dienten nicht nur als Falle für dreiste Eindringlinge, sondern wurden von den Löbauern auch wirtschaftlich, etwa durch die Bepflanzung mit Obstbäumen, genutzt. Hier am Görlitzer Tor hatte zum Beispiel die sogenannte „Zwingerschützengesellschaft“ für Schuss und Trank ihr Domizil. Bespickt waren die Mauern immer wieder mit Türmen und Basteien. Eine davon, die sogenannte „Große Bastei“, stand früher, nahe dem Arkadenhof, ungefähr auf Höhe des jetzigen Bekleidungsgeschäftes am Promenadenring.
Fast die gesamten städtischen Befestigunsanlagen sind ab den 1820er Jahren nach und nach abgerissen und mit den Steinen die Gräben vor der Wallanlage aufgefüllt worden, sodass beispielsweise hier, bis hinunter zum Neumarkt, unser schöner Promenadenring entstehen konnte.
Amtsgericht
Wandern wir ein Stück weiter bis kurz vors Amtsgerichtsgebäude (siehe Karte Pkt. 2), dann stehen wir direkt auf dem 1884 geschaffenen Durchbruch von der Rittergasse zur Weißenberger Straße. An dieser Stelle befand sich das einst von vielen „armen Sündern“ so sehr gefürchtete Stockhaus mit seinem dazugehörigen Turm. Mancher Löbauer hat hier Tage oder Wochen auch für solche Vergehen schmachten müssen, für die heute nur noch ein Ordnungs- oder Bußgeld verhängt werden kann.
Gedenken wir ihrer kurz und wandern dann auf dem Prome-nadenring am Amtsgerichtsgebäude vorbei in Richtung Neumarkt.
Bautzner Tor
Das Gerichtsgebäude selber entstand Mitte der 1850er Jahre auf den Steinen des alten Marstalles, der übrigens direkt in die innere Stadtmauer eingebunden war. Das kann man auch heute noch erahnen, denn ein Stück weiter unten sehen wir ein sehr schön erhalten gebliebenes Stück innerer Stadtmauer am alten Bautzner Tor (siehe Karte Pkt. 3).
Unmittelbar angrenzend an diese Toranlage, zwischen äußerer und innerer Mauer eingeklemmt, stand bis 1948 das Stadtpfeiferhaus. Daran erinnert aber nur noch eine kleine Nische in der Mauer und eine Skulptur des früheren Stadtmusikus.
Später stand an der selben Stelle - daran werden sich sicher viele noch erinnern - eine öffentliche Bedürfnisanstalt. Aber auch die ist, wie leider auch der auf dem Rest der Stadtmauer entlang führende Wehrgang, inzwischen verschwunden.
Der Bautzner Torkomplex glich in seinem Aufbau dem Görlitzer Tor. Kam man aus ihm heraus, war man in der Bautzner Vorstadt, auch Scheunenviertel genannt. Linker Hand, da wo heute der Neumarkt ist, befanden sich Gärten, in die im 18. Jahrhundert der reiche Leinwandhändler Samuel Benjamin Mühle zum Pläsier der Löbauer ein Garten- und Vergnügungshaus hinein baute – das Gebäude des früheren Gasthofes „Zum Stern“.
Baderei

- Baderei Löbau
Unsere nächste Station soll die ein Stück weiter unten liegende „Baderei“ (siehe Karte Pkt. 4) sein. Hier erhob sich, an der Stelle der Gaststätte „Alter Krug“, die mächtige Baderbastei. Sie stand noch relativ lange hier und war, nachdem sie als Wachbastion ausgedient hatte, lange Jahre Getreide – und Malzlager der Braucommune, bis schlussendlich 1888 der Pächter des Gasthauses „Zum Stern“, Herr Fritsche, die Bastei zum Abbruch geschenkt bekam und damit das Stallgebäude an seinem neuen Gasthof „Feldschlösschen“ (später „Reichshof“, jetzt „Hotel Stadt Löbau“) errichtete.
Sehenswert an dieser Station ist auch das Haus, in dem einst der Bader der Stadt seine Profession ausübte. Schauen wir uns das Gebäude einmal genauer an, so erkennen wir, dass es direkt an die innere Stadtmauer angebaut war. Ein Stück Wehrgang ist auch hier noch zu erkennen.
Katzenturm
Laufen wir dann vom „Bestattungs- unternehmen Großer“ entlang der Teichpromenade bis zum Katzenturm (siehe Karte Pkt. 5), können wir ganz deutlich erkennen, dass alle Gebäude in diesem Abschnitt von ihren Besitzern auf den Steinen der äußeren Stadtmauer errichtet wurden.
Hier, zwischen Baderbastei und Katzenturm, stand - das wollen wir noch mit erwähnen - der Pulverturm, in dem allerdings seit 1750 wegen Explosionsgefahr kein Schießpulver mehr gelagert werden durfte. Zu dessen Ersatz kam ein Pulverhäuschen auf die Felder vorm Stadtvorwerk. Von dort ist es aber mit dem Bau von Löbau-Ost dann endgültig von der Bildfläche verschwunden.
Am Katzenturm angekommen sehen wir ein noch erhaltenes Stück der äußeren Stadtmauer. Durch eine kleine Pforte kann man von hier auf dem Katzenturmgässchen in die Innere Zittauer Straße gelangen. Direkt am Katzenturm ist ein Abschnitt der inneren Mauer mit Wehrgang nachgebildet, sodass die Besucher an dieser Stelle einen plastischen Eindruck von einem „Parchen“ zwischen innerer und äußerer Mauer erhalten.
Woher der Name des Katzenturmes kommt
ist nicht bekannt. Er verdankt sein noch heutiges Dasein dem Kaufmann Hildebrandt, der den Turm als Abortanlage in sein 1826 erbautes Haus einband.
Das hier besonders viele Katzen herum streunten ist eher unwahrscheinlich. Wahrscheinlicher, dass es sich bei dem Namen lediglich um eine über Generationen betriebene Wortverschiebung handelt, denn Anfang des 18. Jahrhunderts beschloss der Rat den „wüst stehenden Turm“ als Karzer einzurichten. Und aus „Karzerturm“ ist später einfach der „Katzenturm“ geworden.
Aber: Genaues weiß man eben nicht!
Zittauer Tor
Weiter geht es jetzt mit unserer kleinen Wanderung entlang der Teichpromenade zum Zittauer Tor (siehe Karte Pkt. 6), dem Südeingang zur Stadt. Auf halbem Wege dahin entdecken aufmerksame Augen immer wieder eine zugemauerte Tür in Mauerwerk. Konnte man durch sie etwa unter Umgehung der Stadttore heimlich die Stadt verlassen?
Nein – die Pforte ist erst viel später hier hin gekommen. Sie war nämlich der Zweitaus- und -eingang des beliebten „Café Daum“ in der Inneren Zittauer Straße.
Haben wir das Zittauer Tor erreicht, müssen wir feststellen, dass - wie von den anderen historischen Stadteingängen - auch von dieser Anlage rein gar nichts mehr zu sehen ist. Die Abrissbirnen haben im Jahre 1929, bedingt durch den Bau der Umgehungsstraße, ganze Arbeit geleistet und auch die letzten Bauten der bis dato noch vorhandenen Resttoranlage vernichtet.
Ebenfalls verschwunden ist die alte Katharinenkapelle. Allerdings schon vor dem Jahr 1824, weil auf ihren Grundmauern zur Entlastung des Rathauses ein (Gewand)Haus erbaut werden musste, um Händlern sowie der hier stationierten Garnison ein dringend benötigtes, trockenes Plätzchen zu schaffen.
Etwas weiter die Äußere Zittauer Straße hinunter, stand früher, kurz vor der Heilig Geist Kirche, noch ein zweites, das sogenannte Engeltor. Aber auch von diesem ist heute leider nichts mehr übrig geblieben.
Preuskerschule / Technisches Rathaus
Über den Theaterplatz, vorbei an der Reicheltvilla und dem 1846 erbauten Sudhaus der Löbauer Braucommune, gelangen wir dann auf den Brücknerring und machen Halt vor der einstigen Preuskerschule (siehe Karte Pkt. 7). Hier stand bis zum Jahre 1854 das alte Gebäude des ehemaligen Franziskanerklosters. Dieser Bau ragte, genau wie die daneben liegende Johanniskirche, etwas aus der Stadtmauer heraus. Der Wehrgang verlief direkt durch den 1. Stock des Klosters und die Krypta der Kirche. Diese Bauwerke waren also quasi als Bollwerk mit in die Verteidigungsanlage integriert.
Nach Osten zu bot aber das steil abfallende Gelände der Stadt ohnehin einen natürlichen Schutz. Auf Grund dieser Gegebenheit war es deshalb nicht möglich auch in dieser Himmelsrichtung ein Stadttor anzulegen.
Schaut man auf dem Brücknerring zwischen Brauhaus und Preuskerschule etwas genauer hin, kann man die alte Stadtmauer noch erahnen. Die Bewohner der ehemaligen Hintergasse haben bis zu ihr ihre Gärten aufgeschüttet und die Mauerreste als Begrenzung bzw. Stütze benutzt.
Görlitzer Tor
Unsere Wanderung nähert sich jetzt langsam dem Ende. Wir gehen auf dem Brücknerring noch am hinteren Teil der Kreismusikschule vorbei, sehen dann wenig später linker Hand noch Reste der alten Stadtbefestigung (hier stand einst der Phillipsturm), steigen dann die Stufen empor zum Nicolaiplatz und haben, soeben wieder am Görlitzer Tor (siehe Karte Pkt. 1) angekommen, unsere kleine Stadt einmal umrundet.
Viel gäbe es jetzt noch zu erzählen über Tore und Mauern, Plätze und Straßen, über die Bewachung der Stadt und das Leben der Menschen mit und in ihren Mauern, aber dazu ist in dieser Ausgabe der „Löbauer Stadtansichten“ leider zu wenig Platz.
Wie wäre es aber, wenn Sie einmal in der Löbauer Tourist-information vorbeischauen und nach solch einer „Rundumführung“ fragen? Wir bieten Ihnen nämlich so etwas in unserem thematischen Stadtführungsprogramm mit an. Gerne wird Sie der Autor dieses Artikels dabei begleiten.
Also: Sollten Sie Zeit und Lust haben, seien Sie ruhig neugierig! Wir sehen uns dann am Görlitzer Tor!
Ihr Arnd Krenz









